Sie flogen - diesmal von der Schaukel. Die Zeit verging wirklich fliegend und die beiden waren auf dem besten Weg, es der Zeit gleichzutun. Ihre Flügel wuchsen, jetzt waren sie keine Babys mehr. Allerdings, in dieser Nacht kullerten sie wieder wie Federbälle durch die Wolken. Sie ruderten mit ihren Flügeln gegen den Sturm.
»Iiiiiii, pfui Teufel, Krakiiiiiiiiiiiily!«
»Du stehst in einer Qualle, hihihihi ...«
»Blöde Krähe, da lachst Du noch, wo sind wir hier eigentlich? Ich will schaukeln!«
»Die Schaukel ist abgerissen, entweder sind wir zu schwer oder zu hoch geschaukelt.«
Welifar wusch sich ihre Beine im seichten Wasser und hüpfte dann einen Pfad entlang, der in Richtung Düne führte.
»Es muss hier noch stürmischer gewesen sein. Schau mal, wie weit die Muscheln auf dem trockenen Strand liegen. Riesige Wellen waren das gewesen, die sogar Steine vom Meeresgrund ans Ufer gespült haben.«
»Wenn ich nur wüsste, wo wir hier sind.«
Der Wind wehte immer noch heftig, aber es war wärmer als bei ihnen zu Hause.
Krakilly lief am Wasser entlang. Ein Stein, mit einem großen Loch in der Mitte, hatte es ihr angetan. Sie steckte ihren Fuß durch. »Guck mal Weli, ich hab einen Ring. Meine Mama hat gesagt, so einen nennt man »Hühnergott«. Wusste gar nicht, dass Hühner auch einen haben. Egal, ich nehm ihn mit.«
»Ziemlich schwer, der Gott, lass ihn liegen, bei uns zu Hause gibt es auch welche.«
Krakilly hatte Mühe, ihn wieder vom Bein zu bekommen, der Stein war schwer und wirkte wie eine Fußfessel. Welifar kletterte inzwischen auf die Düne um zu sehen, was dahinter ist. Dabei wär sie fast gestolpert. Auch über einen Stein, der im dunklen Strandhafer wie Gold leuchtete. »Killy, komm endlich her und hilf mir, der Stein ist bestimmt wertvoll!« Krakilly, war sauer, ihr Stein hing immer noch am Bein. Sie bekam den Fuß einfach nicht wieder heraus. Sie wollte doch Wassernase suchen. In dieser Nacht war eine Geschichte fällig, weil der Mond grün war.
Lustlos schlurfte sie mit der »Fußfessel« in Richtung Düne, um zu sehen, was Welifar da gefunden hatte.
Welifar wollte ohne ihren Stein und Krakilly konnte ohne ihren Stein nicht fort. So blieben sie beide ganz bedeppert sitzen und überlegten, wie sie sich selbst helfen konnten.
»Verdammt, lass den blöden Stein liegen und komm her! Vielleicht kannst Du Deinen Fuß gegen meinen Stein drücken, und ich ziehe mein Bein raus.«
Es funktionierte und beide konnten den Fund von Welifar betrachteten.
»Wir rollen ihn am besten vor uns her, bis zum Ufer«, sagte sie und drehte den Stein herum. Der Stein war leichter als gedacht.
»Der ist ja durchsichtig!«
»Wow, da ist ein Schmetterling drin, sieh mal«, rief Krakilly. »Wie der Sarg von Schneewittchen. Wie ist der Schmetterling da hineingekommen?«
»Wir nehmen ihn mit und suchen Wassernase.« Und so kullerten sie den Stein weiter vor sich her, in Richtung Wasser. Dabei hätte sie beinahe eine Welle überrollt. Knapp vor ihnen blieb sie stehen und zog sich langsam wieder zurück.
»Da staunt ihr, was?«
»Wassernase!«, riefen die beiden gleichzeitig. »Sag erst mal, wo sind wir hier eigentlich? Und wie kommen wir wieder nach Hause?«

»Das ist die Ostsee, Ihr seid in Deutschland. Und einen tollen Bernstein habt Ihr gefunden.«
»In Deutschland, was ist das für ein Land?«
»Krakilly, das ist die Heimat Deiner Mama. Dort haben wir uns kennengelernt.«
»Hier? Ist hier Rabenhorst?«
»Ein paar Hundert Kilometer landeinwärts, da liegt Rabenhorst. Du wirst sicher mit Deinen Eltern noch hinfliegen, wenn fleißig trainierst.
Und jetzt hört Ihr meine Geschichte, die ich Euch über diesen Stein erzähle. Später kommt Mola und nach Mitternacht liegt ihr wieder in Eurem Bett.«
Wassernase betrachtete den Stein. »Genau genommen ist Bernstein gar kein Stein, sondern uraltes Harz von den Bäumen, die vor Jahrmillionen in dieser Gegend gewachsen waren.«
»Und wie ist dieser Schmetterling da hineingekommen? Ist der auch so alt?«
»Ja, die Bäume waren damals riesig und ein Harztropfen ist vom Baumstamm auf die Erde gefallen, dorthin, wo gerade ein Schmetterling gesessen hatte. Das Harz wurde trocken und in den vielen Jahren immer fester. Und dann kam das Meer, das sich in der Eiszeit immer wieder veränderte. So ein Harzklumpen ist leicht und die Wellen bringen immer noch jede Menge Bernstein an Land. Die Menschen sammeln ihn und machen Schmuck daraus.«
Die beiden Vögel bekamen große Augen.
»Ich möchte einen Ring mit diesem Stein.«
»Krakilly, Du bist doch keine Elster, die auf Schmuck steht. Sei froh, dass Du den Wummer da los hast«, lachte Welifar und meinte den Hühnergott.
»Welifar hat recht, aber er wäre für Schmuck auch zu schade. Den Schmetterling könnte man wieder zum Leben erwecken.«
»Oh, lebt der noch?«, wunderte sich Welifar.
»Nein, aber alle Lebewesen haben etwas in sich, das nennt man DNA, das ist wie ein Dokument, wo alles über das Wesen steht. Und diese DNA kann man auslesen und mit der von den Schmetterlingen vergleichen, die jetzt leben. Aber das ist hochwissenschaftlich.«
»Wir sind doch auch Wesen, haben wir auch eine DNA?«
»Natürlich!«
»Schade, das würde ich so gerne Mama erzählen. Kann ich ihr den Stein nicht mitbringen?«
»Wisst Ihr was, ich nehme ihn wieder mit ins Meer und bringe ihn zu Jynne, Jypsi und Jyoti. Die werden ihn bewachen, und wie ich die drei Nixen kenne, bringen sie ihn eines Tages nach Rabenhorst.«
Krakilly jubelte, dann sah sie, dass Welifar ganz still geworden war. Sie wusste, wenn Krakilly fliegen konnte, würde sie mit ihren Eltern in Rabenhorst leben.
Krakilly umarmte sie. »Du kommst natürlich mit, ich fliege doch nicht ohne Dich!«
Dann erzählte sie Wassernase, dass der Stein eigentlich der Möwe gehört.
Wassernase gab Weli einen nassen Stupps.
»Da, Mola ist da, jetzt schaukelt schnell in Eure Betten!«
»Och, wir wollten noch was über den Mondfisch hören ...«
Doch Wassernase war verschwunden. Sie sahen noch den Stein mit dem Schmetterling auf den Wellen schwimmen und kurze Zeit später lagen sie in ihren Nestern.
